Praxis für Traumatherapie und Paartherapie Sabine Verges
Zwei Wegweiser aus Papier auf pinkem Grund, einer zeigt in Richtung Angst, der andere in Richtung Mut, dazu der Beitragstitel Was wollen mir meine Panikattacken sagen

Was wollen mir meine Panikattacken sagen?

Lesedauer: 8 min

Panikattacken fühlen sich an wie ein Feind, den man loswerden muss. In meiner Praxis arbeite ich mit einer anderen Sicht. Sie sind ein Alarm, und ein Alarm hat immer einen Grund. Worauf er zeigt, ist bei jedem Menschen ein anderes.

Was wollen mir meine Panikattacken sagen?

Warum dein Körper Alarm schlägt, und was passiert, wenn du zuhörst statt zu kämpfen.

Was wollen mir meine Panikattacken sagen? Mit dieser Frage kommt fast niemand zu mir. Die erste Frage lautet: Was tun. Wie werde ich sie los, sofort, jetzt. Ich verstehe das. Eine Panikattacke ist ein Zustand, in dem der Körper alles aufbietet, was er hat, und die einzige Sehnsucht ist, dass es aufhört.

Ich stelle in meiner Praxis trotzdem die andere Frage zuerst. Denn eine Panikattacke ist keine Fehlfunktion. Sie ist ein Alarm. Und ein Alarm hat immer einen Grund, auch wenn er zum falschen Zeitpunkt losgeht.

Ich beobachte seit vielen Jahren, dass die Menschen, die anfangen, ihre Panik zu lesen statt sie zu bekämpfen, an einen anderen Punkt kommen als die, die nur den Ausschalter suchen.

Was ist eine Panikattacke?

Eine Panikattacke ist eine plötzlich einsetzende, heftige Alarmreaktion des Körpers, die innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt erreicht und meist nach zehn bis dreißig Minuten wieder abklingt. Typisch sind Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Zittern, Schwitzen und das Gefühl, die Kontrolle oder den Verstand zu verlieren. Das Nervensystem schaltet in einen Überlebensmodus, obwohl keine äußere Gefahr sichtbar ist.

Auf dem Wort sichtbar liegt das Gewicht. Was der Körper meldet, muss von außen niemand sehen können.

Panikattacken aus dem Nichts: warum der Körper Alarm schlägt, wenn nichts passiert

Dein Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einem Angreifer im Wald und einer Situation, in der du seit Jahren etwas aushältst, das du nicht aushalten willst. Es kennt nur zwei Kategorien: sicher und nicht sicher.

Und es rechnet nicht in Wochen. Es rechnet in Summen.

Deshalb kommt die Attacke fast nie in dem Moment, in dem es objektiv am schlimmsten ist. Sie kommt im Supermarkt. Auf der Autobahn. Sonntagabend auf dem Sofa. Sie kommt dann, wenn die Anspannung kurz nachlässt und das System endlich Gelegenheit hat, das zu melden, was es die ganze Zeit mitgeschleppt hat.

Das ist der Punkt, an dem viele Frauen, die zu mir kommen, sagen: Aber es gibt doch gar keinen Grund. Es geht mir doch gut.

Genau da fängt die Arbeit an.

Was wollen mir meine Panikattacken sagen? Sechs mögliche Ursachen

Panikattacken haben keine einzelne Ursache, die für alle gilt. Sie sind ein Sammelsignal. Worauf sie zeigen, kann in sehr verschiedenen Richtungen liegen, und in der Praxis begegnen mir immer wieder dieselben sechs:

Der Körper selbst. Ein Nährstoffmangel, eine Schilddrüse, die zu schnell läuft, ein Blutzucker, der abstürzt, chronischer Schlafmangel. Der Körper hat keine andere Sprache als Symptome. Wenn ihm etwas fehlt, meldet er sich nicht per Brief.

Dauerbelastung ohne Ventil. Zu viel, zu lange, ohne Erholung dazwischen. Es ist selten die eine dramatische Sache. Es ist die zwölfte Woche in Folge, in der niemand fragt, wie es dir eigentlich geht.

Frühe Prägungen. Ein Nervensystem, das früh gelernt hat, dass Wachsamkeit überlebenswichtig ist, verlernt das nicht, nur weil man erwachsen wird. Es macht weiter, was es kann.

Was vor dir kam. Belastungen, die über Generationen weitergegeben wurden, ohne dass jemals darüber gesprochen wurde. Manchmal trägt ein Körper etwas, das nicht in seinem eigenen Leben begonnen hat. Über diese Weitergabe habe ich ausführlicher geschrieben in Familienaufstellung verstehen.

Die Beziehung, in der du lebst. Zwei Nervensysteme in einem Raum reagieren aufeinander, ob die Beteiligten das wollen oder nicht. Wenn dein System neben einem Menschen dauerhaft nicht zur Ruhe kommt, ist das eine Information. Wie das zwischen zwei Menschen wirkt, beschreibe ich in Deshalb musste meine Ehe scheitern.

Das Leben, das du nicht führst. Der Job, in dem du funktionierst. Die Rolle, die du seit Jahren spielst. Das Nein, das du nie gesagt hast. Irgendwo wird der Preis dafür bezahlt, und der Körper führt darüber genau Buch.

Es kann eines davon sein. Es sind meistens mehrere.

Warum der Kampf gegen Panikattacken sie größer macht

Der erste Reflex ist immer derselbe: bekämpfen. Wegatmen. Wegdenken. Vermeiden, was sie ausgelöst haben könnte. Erst das Autofahren, dann die volle Straße, dann irgendwann die eigene Wohnungstür.

An mangelnder Willenskraft liegt es nicht. Für dein Nervensystem ist der Kampf selbst ein Gefahrensignal. Du bestätigst ihm mit jeder Anstrengung genau das, wovor es dich warnen wollte: Hier stimmt etwas nicht.

Panik, die bekämpft wird, wird lauter. Panik, die gelesen wird, verliert ihre Macht über dich.

Diese Umkehrung ist weder ein Trick noch ein Sofortprogramm. Sie braucht Zeit.

Ein Beispiel: worauf Panikattacken zeigen können

Das folgende Beispiel beschreibt ein Muster, das mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet. Alle Angaben, die auf eine bestimmte Person schließen ließen, sind verändert oder weggelassen. Es ist kein Porträt eines einzelnen Menschen.

Eine Frau kommt zu mir, weil sie Panikattacken bekommt, wenn sie etwas auswählen soll. Nicht bei großen Entscheidungen. In einem Lokal, in dem man sich sein Essen selbst zusammenstellt, Zutat für Zutat, mit einer Schlange im Rücken.

Von außen sieht das aus wie eine Marotte. Sie schämt sich dafür.

Wir gehen zurück. Als Kind durfte sie nicht allein zu Hause bleiben. Der Herd war gefährlich, die Treppe war gefährlich, kaputtgehen konnte alles. Was sie von ihrer Mutter gelernt hat, stand in keinem einzelnen Satz. Es war eine Grundhaltung: Die Welt ist gefährlich, und du bist ihr nicht gewachsen. Von der Großmutter kam derselbe Ton in einer anderen Tonart, die Frage, was die Nachbarn wohl denken.

Daraus werden Sätze, die niemand je ausspricht und die trotzdem gelten:

Die Welt ist gefährlich, und ich kann sie nicht kontrollieren. Ich bin selbst eine Gefahr für mich. Ich brauche jemanden, der aufpasst, dass ich keinen Fehler mache. Und, der schwerste: Wenn du mich verlässt, bin ich verloren.

Wenn diese Sätze im Hintergrund laufen, ist jede Entscheidung eine Frage von Leben und Tod. Auch die, welcher Belag auf das Brot kommt. Das Nervensystem unterscheidet an dieser Stelle nicht zwischen groß und klein. Es kennt nur: Ich könnte etwas falsch machen, und falsch heißt tödlich.

Die Panik saß nicht im Lokal. Sie saß in der Auswahl.

Und sie war nicht einmal ihre eigene.

Was bei Panikattacken hilft, wenn die Angst nicht die eigene ist

Der erste Schritt ist unspektakulär und trotzdem der schwerste. Er heißt: das Gefühl von Lebensgefahr bemerken, es benennen, und die Sache dann trotzdem tun. Mit Zusammenreißen hat das nichts zu tun. Es geht darum, den Alarm zu hören, ihm recht zu geben, dass er einmal berechtigt war, und ihm zu sagen, dass heute nichts passiert.

Dazu gehört ein Satz, der harmlos klingt und in Wahrheit eine Zumutung ist: Ich darf Fehler machen. Für ein Nervensystem, das gelernt hat, dass Fehler existenziell sind, ist das unbekanntes Gelände. Es muss die Erfahrung machen, dass die Katastrophe ausbleibt, und zwar oft genug, dass es ihr glaubt.

Und dann kommt der Schritt, der bei geerbten Ängsten den Unterschied macht: die Angst dorthin zurückgeben, wo sie hergekommen ist.

Mama, das ist deine Angst. Nicht meine.

Dieser Satz ist kein Vorwurf. Er ist eine Grenzziehung. Frauen, die ihn zum ersten Mal aussprechen, weinen oft, und meistens nicht aus Trauer, sondern aus Erleichterung. Weil zum ersten Mal jemand benennt, dass sie etwas getragen haben, das nie ihres war.

Ich entscheide mich, mein Leben nicht länger von den Ängsten meiner weiblichen Ahnenlinie bestimmen zu lassen.

Das ist kein Satz, den man einmal sagt und dann ist es gut. Es ist eine Entscheidung, die man immer wieder trifft, oft an sehr kleinen Stellen. An einer Theke zum Beispiel, mit einer Schlange im Rücken.

Was das ausdrücklich nicht heißt

Ich schreibe hier über einen Blickwinkel, nicht über einen Behandlungsplan, und schon gar nicht gegen die Medizin.

Panikattacken gehören ärztlich abgeklärt. Herzrasen und Atemnot können körperliche Ursachen haben, die ernst zu nehmen sind, von der Schilddrüse bis zum Herzrhythmus. Diese Abklärung ist kein Umweg, sie ist der erste Schritt. Einen fachlichen Überblick über Angsterkrankungen und ihre Einordnung bieten die Berufsverbände für Neurologie und Psychiatrie.

Wie Fachleute Angst- und Panikstörungen behandeln, ist in Deutschland in einer wissenschaftlichen Leitlinie festgehalten, der S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. Davon gibt es auch eine Fassung in verständlicher Sprache für Betroffene. Wenn du wissen willst, was der derzeitige Stand der Forschung empfiehlt, ist das die verlässlichste Quelle, die es dazu gibt.

Und: Wenn dir ein Arzt oder eine Ärztin ein Medikament verordnet hat, setze es nicht wegen eines Blogbeitrags ab. Über Medikamente entscheidest du gemeinsam mit der Person, die sie verordnet hat, und mit niemandem sonst. Was ich beobachte, ist etwas anderes: Ein Medikament kann die Lautstärke senken. Es beantwortet nicht die Frage, warum der Alarm angeht. Für manche Menschen ist genau diese gesenkte Lautstärke die Voraussetzung dafür, überhaupt an die Frage heranzukommen. Beides schließt sich nicht aus.

Ganzheitlich meint hier ein Und, kein Entweder-oder: den ganzen Menschen anschauen und nicht allein das Symptom.

Wenn du in einer akuten Krise bist oder Gedanken hast, dir das Leben zu nehmen, hol dir sofort Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117, im Notfall die 112.

Vom Feind zum Verbündeten: Panikattacken verstehen lernen

Was ich Menschen in meiner Praxis in Dachau beibringe, ist eine andere Blickrichtung, keine Technik.

Solange die Panikattacke dein Feind ist, ist sie stärker als du, denn besiegen kannst du sie nicht. Sobald sie ein Bote ist, verändert sich das Verhältnis. Ein Bote will gar nicht gewinnen. Er will abgeben, was er trägt, und dann gehen.

Damit verschiebt sich auch die Frage. Statt „Wie werde ich das los“ heißt sie: Was wollen mir meine Panikattacken sagen. Wofür ist das der Preis, und will ich ihn weiter zahlen.

Das ist eine unbequeme Frage. Sie führt manchmal an Stellen, an die man nicht wollte, an einen Job, an eine Beziehung, an eine Loyalität, die längst abgelaufen ist. Sie ist aber die einzige, die eine Richtung hat.

Dein Körper ist nicht gegen dich. Er ist seit Jahren auf deiner Seite und hat nur keine andere Möglichkeit gefunden, dich zu erreichen.

Lies das nochmal.

Häufige Fragen

Was wollen mir meine Panikattacken sagen?

Panikattacken sind ein Alarmsignal des Nervensystems. Sie zeigen an, dass etwas im Leben, im Körper oder in der Geschichte eines Menschen dauerhaft Belastung erzeugt. Das kann ein Nährstoffmangel oder Schlafmangel sein, eine ungelöste frühe Prägung, eine belastende Beziehung oder ein Leben, das nicht zur eigenen Wahrheit passt. Die Attacke benennt das Problem nicht, sie zeigt nur, dass es eines gibt.

Sind Panikattacken gefährlich?

Eine Panikattacke selbst ist trotz der heftigen Symptome für den Körper nicht gefährlich, auch wenn sie sich lebensbedrohlich anfühlt. Wichtig ist trotzdem eine ärztliche Abklärung, weil Herzrasen, Atemnot und Schwindel auch körperliche Ursachen haben können, etwa eine Schilddrüsenüberfunktion oder Herzrhythmusstörungen.

Wie lange dauert eine Panikattacke?

Eine Panikattacke erreicht ihren Höhepunkt meist innerhalb weniger Minuten und klingt in der Regel nach zehn bis dreißig Minuten wieder ab. Die Erschöpfung danach kann deutlich länger anhalten.

Warum kommen Panikattacken scheinbar aus dem Nichts?

Weil das Nervensystem nicht auf einzelne Ereignisse reagiert, sondern auf Summen. Die Attacke kommt oft in einem harmlosen Moment, weil erst dann, wenn die Anspannung nachlässt, Raum entsteht, in dem sich das System melden kann. Der Auslöser ist selten die Ursache.

Kann man Panikattacken ohne Medikamente behandeln?

Ob und wann Medikamente sinnvoll sind, entscheiden Betroffene mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt. Daneben gibt es Wege, die an den Ursachen ansetzen: körperliche Abklärung, Arbeit am Nervensystem, traumasensible Begleitung und die Klärung der Lebensumstände, die dauerhaft Druck erzeugen. Beides lässt sich verbinden.

Haben Panikattacken mit Trauma zu tun?

Sie können damit zu tun haben, aber nicht zwangsläufig. Ein Nervensystem, das früh gelernt hat, ständig wachsam zu sein, bleibt eher in diesem Muster. Belastungen aus der Herkunftsfamilie können ebenfalls eine Rolle spielen, auch wenn sie nie ausgesprochen wurden.

Kann man Ängste von den Eltern übernehmen?

Ja, und das geschieht meist ohne Worte. Kinder lernen an der Reaktion der Bezugspersonen, was gefährlich ist und was nicht. Wenn eine Mutter die Welt als bedrohlich erlebt, übernimmt ein Kind diese Einschätzung, lange bevor es sie überprüfen kann. Solche übernommenen Ängste fühlen sich später an wie die eigenen, obwohl sie es nie waren. Sie zu unterscheiden ist ein wesentlicher Teil der Arbeit.

Was hilft im Moment einer Panikattacke?

Im Akutmoment geht es nicht um Verstehen, sondern um Sicherheit: nicht gegen die Welle ankämpfen, langsamer ausatmen als einatmen, sich orientieren an dem, was im Raum ist, und sich sagen, dass es vorbeigeht, weil es das tut. Die eigentliche Arbeit beginnt danach.

Wann sollte ich mir Hilfe suchen?

Wenn Panikattacken wiederholt auftreten, wenn du anfängst, Situationen oder Orte zu vermeiden, oder wenn die Angst vor der nächsten Attacke deinen Alltag bestimmt. Spätestens dann ist es sinnvoll, nicht mehr allein damit zu bleiben.

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Über die Autorin

Sabine Verges ist Heilpraktikerin sowie Trauma- und Paartherapeutin mit eigener Praxis in Dachau. Sie begleitet seit rund 25 Jahren Menschen dabei, die Muster hinter ihren Symptomen zu verstehen, in Einzelbegleitung, in Workshops und in der Jahresbegleitung „Die Befreiung der Kaiserin“. Mehr über ihren Weg und ihre Arbeitsweise.

Was wollen mir meine Panikattacken sagen? Diese Frage musst du nicht allein beantworten

Du musst sie auch nicht sofort beantworten können. In einem ersten Gespräch schauen wir gemeinsam, wann es angefangen hat, was dein Körper dabei mitträgt und in welche Richtung deine Panik zeigt. Ohne Druck, ohne Programm, das du absolvieren musst.

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Wenn dein Bauch dabei ein leises Ja spürt, ist das schon eine Antwort.

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SABINE VERGES - Heilpraktikerin praxis für Traumatherapie & Paartherapie in Dachau

ÜBER MICH

Mama, Tabus-Brecherin, Silberstreifen-am-Horizont-Finderin, Mit-dem-Herzen-Zuhörerin, Autorin und vieles mehr.

Ich bin Fan von: Ehrlichkeit, Respekt, Wertschätzung, geistigem Austausch, Verbundenheit, Wachstum, Weiterentwicklung, Zuverlässigkeit, Kampfgeist, Menschen, die offen, vorurteilsfrei und begeisterungsfähig sind.

Ich liebe meine Wahl- und Blutfamilie, Eiscreme, Fahrtwind, meinen 1er BMW, IKEA, den Geruch von Pappellaub im Herbst, Musik, Literatur, Psychologie, mein Leben und meine Arbeit. Nicht immer in dieser Reihenfolge.

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