Praxis für Traumatherapie und Paartherapie Sabine Verges
Kind von hinten auf dem Sofa, in den Händen ein Tablet mit der Roblox-Spieleübersicht, Titel: Warum macht Roblox süchtig?

Warum macht Roblox süchtig? Spiele ohne Ende und was sie mit Kindern machen

Lesedauer: 7 min

Wenn das Abendessen am Tablet scheitert, liegt das selten am Willen des Kindes. Dieser Beitrag erklärt die drei Belohnungsmuster, die Roblox schwer verlassbar machen, trennt Belegtes von Behauptetem und zeigt zwei Wege, wie Eltern eine Grenze halten, ohne gegen ihr Kind zu kämpfen.

Inhalt

Dein Kind hat nicht zu wenig Disziplin. Das Spiel hat kein Ende.

Warum macht Roblox süchtig? Die Kurzfassung: Weil es kein Ende hat. Spiele wie Roblox, Fortnite oder Minecraft sind Spiele ohne definiertes Ende: Es gibt keinen Abspann und kein Ziel, nach dem Schluss wäre. Nicht so, wie in meiner Kindheit, als beispielsweise Link den Dämonenkönig besiegte, Prinzessin Zelda rettete und den Frieden in Hyrule wiederherstellte.

Stattdessen gibt es immer die nächste Runde, die nächste Belohnung, den nächsten Freund, der gerade online kommt. Kinder scheitern also nicht an ihrem Willen. Sie scheitern an einer Architektur, die genau dafür gebaut wurde, dass niemand freiwillig aussteigt. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Wer den Mechanismus versteht, muss nicht mehr gegen sein Kind kämpfen.

Was heißt „Spiel ohne definiertes Ende“?

Ein Spiel ohne definiertes Ende ist ein Spiel, das keinen eigenen Abschluss vorsieht. Es endet erst, wenn ein Mensch von außen abbricht. Klassische Spiele hatten einen letzten Level. Ein Brettspiel hatte einen Gewinner. Eine Folge einer Serie hatte einen Abspann. Diese Punkte nennt die Medienforschung Haltepunkte: kleine Momente, in denen überhaupt erst die Frage auftaucht, ob man weitermachen will. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 hat zusammengetragen, was passiert, wenn diese Momente verschwinden. Die Entscheidung „Höre ich jetzt auf?“ wird nicht schwerer getroffen. Sie wird gar nicht mehr gestellt (Übersichtsarbeit zu Haltepunkten in digitalen Medien, 2025).

Roblox ist dabei kein einzelnes Spiel, sondern eine Plattform mit Millionen von Welten, die Nutzer selbst bauen. Es endet nicht nur die einzelne Runde nie. Es endet auch der Katalog nie.

Was Eltern am Abendbrottisch erleben

Ich beobachte seit Jahren ein Muster, das in fast jeder Familie gleich aussieht.

Es ist zehn vor sechs. Du sagst: „In zehn Minuten essen wir.“ Von oben (oder gerne auch aus dem Keller) kommt ein „Ja“. Um sechs steht das Essen auf dem Tisch und dein Kind nicht. Du rufst nochmal. Jetzt kommt kein „Ja“ mehr, sondern „Ich kann jetzt nicht, wir sind mitten drin“. Um zehn nach sechs gehst du hoch. Und dann kippt etwas, das du nicht erwartet hättest: Dein freundliches, vernünftiges Kind schreit dich an. Oder weint. Oder wird kalt und sagt: „Du zerstörst alles.“ Es geht nicht um Brot und Käse. Es geht darum, dass du es aus einem Zustand herausholst, aus dem es sich selbst nicht herausholen kann.

Und dann sitzt es am Tisch, isst drei Bissen, ist abwesend, gereizt, dünnhäutig. Du fragst, wie die Schule war. Es zuckt mit den Schultern. Zwanzig Minuten später, wenn das Nervensystem wieder unten ist, kommt manchmal von selbst ein Satz wie: „Tut mir leid, ich weiß nicht, warum ich so war.“

Genau da liegt der Punkt, der mir wichtig ist. Dein Kind weiß es wirklich nicht.

Die folgende Szene ist ein erfundenes Beispiel, zusammengesetzt aus Mustern, die Eltern immer wieder schildern. Sie beschreibt keine einzelne reale Familie.

Eine Mutter erzählt, ihr neunjähriger Sohn habe sie gefragt, ob sie ihm das Tablet abnehmen könne, „weil ich es selber nicht schaffe“. Er hat nicht um mehr Zeit gebeten. Er hat um eine Grenze gebeten. Sie hat lange gebraucht, um zu verstehen, dass das keine Niederlage war, sondern eine der klarsten Aussagen, die ein Kind über sich treffen kann. Und ein Kind, dass über sich selbst verstanden hat, dass es nicht mehr stoppen kann, ist ein unheimlich kluges Kind.

Warum macht Roblox süchtig? Der Mechanismus hinter dem Streit

Hier wird es konkret, und hier wird es unbequem, weil es nicht am Kind liegt.

Eine belgische Untersuchung mit zwei Stichproben, zusammen über 4.300 Jugendliche, hat gefragt, welche Belohnungsformen in Spielen eigentlich mit problematischem Spielverhalten zusammenhängen. Es waren drei: zufällige Belohnungen, soziale Belohnungen und Fortschrittsbindungen, also Dinge, die man verliert, wenn man aussteigt. Und der Zusammenhang war stärker bei Kindern mit Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, bei sozialen Belohnungen stärker bei Kindern mit sozialen Problemen (Media Psychology, 2023).

Lies das nochmal. Es sind genau die Kinder, die es ohnehin schwerer haben, bei denen die Bauweise am stärksten greift.

In Roblox sind alle drei Elemente verbaut. Zufall: Kisten, Drops, Glücksräder, man weiß nie, ob der nächste Versuch das Gute bringt. Soziales: die Freunde sind in diesem Moment drin, und wer rausgeht, ist draußen. Fortschritt: die Serie, der Streak, das Haustier, das gerade wächst. Wenn dein Kind sagt „Ich kann jetzt nicht“, dann ist das oft keine Ausrede. Es ist eine korrekte Beschreibung der Spielregeln.

Dazu kommt, was Kinder entwicklungsbedingt noch nicht können. Die Hirnregionen, die Impulse bremsen und langfristig abwägen, reifen bis weit ins junge Erwachsenenalter. Ein Zehnjähriger soll also mit einem halb fertigen Bremssystem gegen ein Belohnungssystem antreten, das von Fachleuten optimiert wurde. Diese Rechnung geht nicht auf. Sie ist nicht dafür gemacht, aufzugehen.

Der Mythos vom Glückshormon

Jetzt zu dem Satz, der in jedem Elternratgeber steht: „Die Spiele überfluten das Gehirn mit Dopamin, dem Glückshormon.“

Der erste Teil ist belegt. Dass Videospielen im Gehirn Dopamin freisetzt, wurde schon 1998 mit Hirnscannern gemessen (Koepp et al., Nature).

Der zweite Teil ist falsch, und zwar auf eine Weise, die alles verändert. Dopamin ist kein Glückshormon. Die Arbeitsgruppe um Kent Berridge hat über Jahrzehnte gezeigt, dass Dopamin das Wollen antreibt, nicht das Mögen (Robinson und Berridge, Annual Review of Psychology, 2025). Wanting und liking sind zwei getrennte Systeme im Gehirn.

Das erklärt die Szene am Abendbrottisch besser als jede Suchtmetapher. Dein Kind hängt nicht an diesem Spiel, weil es so schön ist. Frag es mal direkt nach einer langen Session, ob es Spaß hatte. Viele Kinder sagen dann etwas Erstaunliches: eigentlich nicht. Sie wollten weiter, ohne es zu genießen. Der Sog hat sich vom Vergnügen abgekoppelt.

Wer das verstanden hat, hört auf, dem Kind zu unterstellen, es liebe das Spiel mehr als die Familie. Das tut es nicht. Es steckt in einem Wollen fest, das niemand gefragt hat.

Der Teil, der schlicht kommerziell ist

Ein Teil des Drucks in Roblox ist schlicht kommerziell. Forscherinnen und Forscher der Universität Sydney haben 22 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren und deren Eltern befragt und dazu beliebte Roblox-Welten analysiert. In 14 von 15 untersuchten Welten fanden sie Kaufmuster, die Kinder über den echten Geldwert, über Gewinnchancen und über die Notwendigkeit eines Kaufs in die Irre führen. Ein Kind nannte es „buchstäblich Kinder-Glücksspiel“ (Universität Sydney, 2025).

Auch die deutsche Jugendschutzstelle hat reagiert. Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle hat die Altersfreigabe für Roblox im Januar 2025 von zwölf auf sechzehn Jahre angehoben, unter anderem wegen Kaufanreizen, zufälliger Objekte und ungesicherter Chatfunktionen (Jugendschutz Sachsen-Anhalt).

Für dich als Mutter oder Vater heißt das: Wenn dein zehnjähriges Kind Roblox spielt, bewegt es sich in einem Produkt, das für sein Alter offiziell nicht freigegeben ist. Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Information, die kaum jemand bekommt.

Was das nicht heißt

Und jetzt der Teil, den die aufrüttelnden Artikel gern weglassen.

Es gibt keine Studie, die gemessen hätte, was Roblox mit dem Gehirn eines Kindes macht. Diese Forschung existiert nicht. Wer sie behauptet, erfindet sie.

Was es gibt, sind Untersuchungen zu Bildschirmzeit und Hirnentwicklung allgemein. Eine große amerikanische Langzeitstudie mit 4.557 Kindern fand Zusammenhänge mit Hirnstruktur und seelischer Belastung, hält aber selbst fest, dass die Effekte so klein sind, dass sie praktisch kaum etwas bedeuten, und dass daraus kein Ursachenbeweis folgt (Dong et al., 2025). Die Oxforder Forschungsgruppe um Andrew Przybylski kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die reine Spieldauer das Wohlbefinden kaum berührt.

Heißt also: „Roblox zerstört das Gehirn deines Kindes“ ist nicht belegbar. Es geht nicht um die Stunden, sondern um die Bauweise.

Und noch eine Abgrenzung, die mir wichtig ist: Die wenigsten Kinder sind süchtig. Die Mediensuchtstudie der DAK beschreibt für Deutschland rund zwölf Prozent der Zehn- bis Siebzehnjährigen mit riskantem Spielverhalten und 3,4 Prozent, die als abhängig eingestuft werden, Jungen etwa dreimal häufiger als Mädchen (Überblick zur DAK-Studie). Das sind viele Kinder. Aber es sind nicht alle, und „süchtig“ ist eine Einschätzung, die Fachleute treffen, nicht ein Wort für den Abendstreit. Wenn du das Gefühl hast, es ist mehr als ein Streit, ist das Angebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter ins-netz-gehen.de eine gute erste Adresse.

Wie du reagieren kannst

Zwei Dinge. Nicht zehn. Diese zwei tragen.

Erstens: Übernimm die Grenze. Dein Kind kann sie nicht halten.

In der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg gibt es eine Unterscheidung, die hier alles klärt: die schützende Anwendung von Macht gegenüber der bestrafenden. Bestrafend heißt: Du hast nicht gehört, jetzt ist das Tablet eine Woche weg, und du sollst merken, dass das falsch war. Schützend heißt: Ich greife ein, weil hier etwas Schaden nimmt, und ich tue es ohne Vorwurf. Keine Absicht, wehzutun. Keine Absicht, zu erziehen. Nur die Absicht, zu schützen (Überblick zur Gewaltfreien Kommunikation). So wie wir ein Kind zurückhalten, das sonst einfach auf die Strasse und vor das Auto gelaufen wäre.

Das ist der Punkt, an dem viele Eltern sich selbst im Weg stehen. Sie wollen, dass das Kind es einsieht und von allein aufhört. Aber bei einem Spiel, das keine Haltepunkte anbietet, ist Selbstregulation genau das, was ein Kind noch nicht leisten kann. Die Verantwortung liegt bei dir, und sie wandert nicht dadurch zum Kind, dass du länger diskutierst.

In der Praxis sieht das so aus: Der Haltepunkt kommt von außen und steht vorher fest, nicht mitten im Streit. Du kündigst an, nicht mit Minuten, sondern mit Spielschritten („nach dieser Runde“, „wenn die Kiste offen ist“), denn eine Runde lässt sich beenden, eine Minute nicht. Du bleibst dabei, wenn es kippt, und du nimmst es nicht persönlich. Und du sagst den Satz, der entlastet: „Das Spiel ist so gemacht, dass Aufhören schwer ist. Deshalb mache ich das für dich, bis du es selber kannst.“

Zweitens: Geh einmal in der Woche mit hinein.

Das ist die Empfehlung, die am meisten verändert und am seltensten gegeben wird. Setz dich dazu und lass dir zeigen, was dein Kind dort baut, sammelt, mit wem es spielt. Nicht kontrollierend. Neugierig. Frag, welche Welt gerade gut ist und warum, wer der Freund ist, dessen Name immer auftaucht, was es an dem Spiel eigentlich mag.

Dafür gibt es einen nüchternen Grund. Eine der drei Belohnungsarten, die mit problematischem Spielen zusammenhängen, ist die soziale. Wenn Zugehörigkeit nur im Spiel passiert und das Spiel der Ort ist, an dem keiner meckert, dann ist es nicht erstaunlich, dass ein Kind dort bleibt. Jedes Mal, wenn du echtes Interesse zeigst statt Sorge, verschiebst du ein Stück Zugehörigkeit zurück an den Küchentisch.

Und es hat einen Nebeneffekt: Du siehst die Kaufmuster mit eigenen Augen. Du wirst verstehen, warum dein Kind nicht weiß, was es da ausgibt.

Häufige Fragen zu Roblox und Spielen ohne Ende

Warum macht Roblox süchtig?

Roblox verbindet drei Belohnungsarten, die in der Forschung mit problematischem Spielverhalten zusammenhängen: zufällige Belohnungen, soziale Belohnungen und Fortschritte, die beim Aussteigen verloren gehen. Dazu fehlt dem Spiel ein eigenes Ende, also jeder natürliche Haltepunkt. Ein Kind muss deshalb aus eigener Kraft etwas abbrechen, was von außen keinen Abschluss anbietet.

Ab welchem Alter ist Roblox geeignet?

Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle hat die Altersfreigabe im Januar 2025 von zwölf auf sechzehn Jahre angehoben. Begründet wurde das mit Kaufanreizen, zufälligen Objekten und wenig gesicherten Chatfunktionen. Jüngere Kinder spielen also ein Produkt, das für ihr Alter nicht freigegeben ist.

Verändert Roblox das Gehirn meines Kindes?

Dazu gibt es keine Forschung. Niemand hat untersucht, was speziell Roblox mit der Hirnentwicklung macht. Es gibt allgemeine Studien zu Bildschirmzeit und Gehirn, deren Effekte die Autoren selbst als sehr klein und nicht als Ursachenbeweis beschreiben. Belegbar ist die Bauweise des Spiels, nicht ein Schaden im Gehirn.

Stimmt es, dass Spiele das Gehirn mit Dopamin überschwemmen?

Dass Spielen Dopamin freisetzt, ist seit 1998 gemessen. Dopamin ist aber kein Glückshormon. Die Forschung unterscheidet Wollen und Mögen als zwei getrennte Systeme, und Dopamin treibt das Wollen an. Deshalb können Kinder weiterspielen wollen, ohne dabei Freude zu empfinden.

Mein Kind rastet aus, wenn ich das Spiel beende. Mache ich etwas falsch?

Dieser Zustand ist eine erwartbare Reaktion darauf, dass ein Kind aus einem Sog gerissen wird, in dem es feststeckt. Hilfreich ist, den Haltepunkt vorher festzulegen, in Spielschritten anzukündigen statt in Minuten, und dabeizubleiben, ohne Vorwurf. Der Ausstieg wird leichter, wenn er vorhersehbar ist, nicht wenn er verhandelbar ist.

Ist ein Verbot die Lösung?

Ein Verbot beendet die Diskussion, aber es verlagert die Zugehörigkeit ins Heimliche, und es nimmt dir den Einblick. Wirksamer ist die Kombination aus einer von außen gesetzten, verlässlichen Grenze und echtem Interesse an dem, was dein Kind dort erlebt. Bei Verdacht auf eine ausgeprägte Abhängigkeit gehört die Einschätzung in fachliche Hände.

Weiterlesen auf dem Blog

Wenn dich interessiert, was das Nervensystem im Streit eigentlich tut: Deshalb musste meine Ehe scheitern beschreibt, was passiert, wenn zwei Nervensysteme aufeinandertreffen. Und wenn dir das Grenzen-Setzen generell schwerfällt, nicht nur beim Bildschirm: Warum fällt es mir schwer, nein zu sagen?. Zum Thema Familiendynamik über Generationen hinweg: Familienaufstellung verstehen.

Wenn du merkst, dass der Kampf um den Bildschirm längst ein Kampf um etwas anderes geworden ist: Wenn du dafür einen Blick von außen möchtest, lass uns miteinander sprechen. Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam darauf, was in deiner Familie gerade wirklich los ist.

Über die Autorin

Sabine Verges ist Heilpraktikerin, Trauma- & Paartherapeutin in Dachau bei München und spezialisiert auf die Auswirkungen von Trauma auf Beziehungen. Seit über zehn Jahren begleitet sie in ihrer Praxis vor Ort und online Menschen dabei, ihre frühen Prägungen und Erfahrungen und deren Auswirkungen zu verstehen.

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SABINE VERGES - Heilpraktikerin praxis für Traumatherapie & Paartherapie in Dachau

ÜBER MICH

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